Onkel Robinson by Jule Verne

Onkel Robinson by Jule Verne

Author:Jule Verne [Verne, Jule]
Language: deu
Format: epub
Publisher: (Privatkopie)
Published: 2011-09-24T22:00:00+00:00


Kapitel 14

Welch eine Begegnung! Welch Zufall oder vielmehr welch himmlische Fügung! Und wie sehr sich damit die Lage der Familie Clifton geändert hatte! Sie hatte den Vater, den Gatten wieder! Was hatte da ihre gegenwärtige Armut und Not noch zu bedeuten? Voll Zuversicht konnten sie jetzt wieder in die Zukunft blicken.

Es kam Flip nicht einen Augenblick in den Sinn, daß der auf dem Sand Liegende ja auch tot sein konnte. Er stürzte nur auf ihn zu. Das zum Himmel emporgewandte Gesicht Harry Cliftons war bleich, die Augen geschlossen, der Mund halb geöffnet, die Zunge zwischen den Zähnen angeschwollen. Der Körper mit den ausgestreckten Armen lag völlig bewegungslos da. Die stark verschmutzten Kleider trugen Spuren von Gewaltanwendung. Neben dem Ingenieur sah Flip eine alte Pistole, ein offenstehendes Messer und ein Enterbeil liegen.

Flip beugte sich über den Körper des Ingenieurs. Er öffnete dem Unglücklichen die Kleider. Der Körper war warm, aber durch all die Entbehrungen und Leiden furchtbar abgemagert. Als Flip Cliftons Kopf hochhob, gewahrte er am Schädelknochen eine klaffende, verkrustete Wunde.

Flip hielt sein Ohr an die Brust des Verletzten und horchte.

»Er atmet! Er atmet noch!« rief er dann. »Ich werde ihn retten. Wasser! Wasser!« In einigen Schritten Entfernung floß ein Rinnsal vom Sumpf her über den Sand zum Meer. Flip eilte hin, tauchte sein Taschentuch in das kühle Wasser und kehrte zu dem Verletzten zurück. Er benetzte ihm zuerst den Kopf und löste behutsam die blutverklebten Haare. Dann befeuchtete er Augen, Stirn und Lippen des Ingenieurs.

Harry Clifton regte sich ein wenig. Die Zunge zwischen den aufgeschwollenen Lippen bewegte sich leicht, und Flip glaubte das Wort »Hunger! Hunger!« zu vernehmen.

»Natürlich!« rief Flip. »Der arme Mann! Er stirbt vor Hunger! Wer weiß, wie lange er schon ohne Nahrung ist!«

Doch wie sollte er den Unglücklichen wieder zu Kräften bringen? Wie dieses Leben festhalten, das zu entschwinden bereit war?

»Ah!« rief Flip. »Der Zwieback und das Fleisch, die Mrs. Clifton … In göttlicher Eingebung hat diese Frau gehandelt!« Flip eilte zu dem Rinnsal und schöpfte mit einer Muschel ein wenig Wasser. Darin löste er etwas Zwieback auf, so daß eine Art Brotsuppe entstand, die er dem Verletzten löffelweise eingab.

Das Schlucken des eingeweichten Zwiebacks bereitete Harry Clifton große Mühe. Seine Kehle hatte sich verengt und war kaum noch zur Nahrungsaufnahme fähig. Dennoch gelang es Flip, ihm ein wenig Brotsuppe einzuflößen, und allmählich schien etwas Leben in den Körper des Ingenieurs zurückzukehren.

Die ganze Zeit über sprach Flip zu ihm wie eine Mutter zu ihrem kranken Kind. Was ihm an aufmunternden Worte zu Gebote stand, ließ er dem Ingenieur zuteil werden. Nach etwa einer halben Stunde öffnete Harry Clifton die Augen. Sein fast erloschener Blick richtete sich auf Flip. Clifton erkannte den Seemann, das war deutlich zu sehen, denn seine Lippen formten sich zu einem Lächeln.

»Ja, Monsieur Clifton«, sagte Flip, »ich bin es tatsächlich, der Matrose von der Vankouver … Sie haben mich schon richtig erkannt … Ja, ja, ich weiß genau, was Sie mich fragen wollen! Aber sprechen Sie bitte nicht! Das ist jetzt nicht notwendig! Hören Sie mir nur zu.



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